Laos – Im Schatten der Vergangenheit. Eine Reise durch eines der ärmsten Länder der Welt

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Meine ersten Stunden in Laos. Ich fühlte mich frei. Endlich war kein Guide mehr im Auto. Endlich gab es keinen genauen Reiseplan mehr. Wieder konnte ich mein tägliches Schicksal selber bestimmen. Ich war müde von den 7200 KM durch China. Ich brauchte eine Pause. Das beschauliche Nong Kiao, nur 200 Kilometer vom letzten Grenzübergang entfernt winkte mit entspanntem Flair inmitten einer von Karstbergen dominierten Landschaft. Los, jetzt auf das Gaspedal drücken, damit ich noch vor der Dunkelheit das Ziel erreiche. Im Dunkeln macht es nicht nur keinen Spaß Auto zu fahren und man verpasst auch  zum Teil beeindruckende Landschaften. Nein oftmals ist es auch sehr gefährlich. Die Einheimischen kennen nur zwei Einstellungen der Fahrzeugbeleuchtung. Entweder kein Licht oder Stadionbeleuchtung. Das Risiko eines in völliger Dunkelheit auftauchenden Kindes im Ausweichmanöver eines Flutlicht-Golfs  anzufahren war mir zu hoch und ich vermied es. Sofern es möglich war.

Und so düste ich auf überraschend guten Straßen durch den schönen Norden des Landes. Doch nur die gute Straße (dazu später mehr) erinnerte mich daran, dass ich im Jahr 2016 lebte. Ich fühlte mich schnell einige Jahrzehnte zurückversetzt, als ich durch die Dörfer fuhr. Einfache Holzhütten standen da am Wegesrand. Kinder rollten als eines ihrer wenigen Spielzeuge einen Fahrradreifen vor sich her. Auf den Straßen tummelte sich mit Hühnern, Schweinen und Kühen ein ganzer Bauernhof. Ich war, wie ich später herausfand, nun in einem der ärmsten Länder der Welt unterwegs.

Szenen aus dem Landleben
Szenen aus dem Landleben
Tiere auf den Straßen
Tiere auf den Straßen

Wie kam es dazu? Ein Blick in die Geschichtsbücher lüftet das traurige Geheimnis des Landes. Laos war einst eine der zahlreichen Kolonien Frankreichs. Einige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg zog sich die Kolonialmacht zurück und hinterließ ein äußerst instabiles Land. Im Norden des Landes sammelten sich Kommunisten, welche eine Annäherung oder Integration an China bzw. Vietnam anstrebten. Im Süden behielten Anhänger des Königs die Oberhand und wurden dabei durch die USA unterstützt, welche vermeiden wollten, dass ein weiteres kommunistisches Land in der Region entsteht.  In den folgenden Jahren entfachte sich in Laos ein Bürgerkrieg.

Als wenn dass noch nicht genug wäre, spielte Laos eine entscheidende Rolle im zweiten Indochinakrieg der USA mit Vietnam. Durch Laos führte die Hauptnachschubroute der Nordvietnamesen nach Südvietnam. Für die Amerikaner natürlich ein Dorn im Auge. So wurden im Laufe des Krieges mehr als zwei Millionen Tonnen Sprengstoff auf das Land abgeworfen. Viele Menschen verloren ihre Heimat, ihre Gliedmaßen, ihr Leben. Noch heute liegen im ganzen Land Blindgänger verteilt. Große Flächen sind nicht landwirtschaftlich nutzbar. Und manche Fliegerbombe wurde aufgesägt und findet sich am Straßenrand als Grill wieder.

Das einfache Leben auf dem Land. Der Fluss ist Hauptverbindungsader
Das einfache Leben auf dem Land. Der Fluss ist Hauptverbindungsader
Fischer auf dem Mekong
Fischer auf dem Mekong

Nach Beendigung des Krieges wurde 1975 die Laotische Demokratische Volksrepublik ausgerufen. Doch auch im Bruderstaat der DDR wurde das Leben nicht besser, da das System der Verstaatlichung von Eigentum in der Bevölkerung auf großen Widerstand stieß und die Planwirtschaft nicht funktionierte. Reformen kamen zu spät und das Land entwickelte sich nur langsam.

Hoffnung
Hoffnung

Seit einigen Jahren erst befindet sich das Land wirtschaftlich im Aufwind. Doch die Kosten dafür sind sehr hoch. Nach dem Ende des kalten Krieges suchte das Land die Nähe zu China. China investierte in die, durch Krieg und Misswirtschaft entstandene, katastrophale Infrastruktur des Landes. Als Ausgleich wurden große Landflächen zur nutzflächigen Bewirtschaftung an China verpachtet. Der Raubbau an der Natur begann, der bis heute anhält. Daran profitieren natürlich nicht die einfache Bevölkerung sondern Großkonzerne, ausländische Investoren und korrupte Beamte.

Eine Verkäuferin in Luang Prabang
Eine Verkäuferin in Luang Prabang

Und so fuhr ich nun durch die armen, aber doch so unberührten laotischen Bergdörfer. Doch sollte auch der Reisende, der in den Genuss kommt solche Ecken der Welt kennenzulernen, bedenken, dass hinter jener beschaulichen Dorfromantik ein leeres Portemonnaie steckt, jeder KIP (laotische Währung) zweimal umgedreht werden muss und mancher Magen leer bleibt, da die für den Reisanbau so wichtige Ackerfläche entweder durch einen Staubdammsee überschwemmt oder für den Teakholzanbau eines vietnamesischen Großinvestors verwendet wird.

Szene aus einem laotischen Dorf
Szene aus einem laotischen Dorf

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Reiseliteratur

Mathias Verfasst von:

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