Leben und sterben in Varanasi

Ich flüchte in die engen Gassen der Stadt. Auch hier kommt das Leben nicht zum Stillstand. Es wird Chai, ein Milchtee mit Gewürzmischung, verkauft, Motorräder brausen unter ständigen Einsatz der Hupe an mir vorbei, ständig wird die Bettelnussmischung, die zuvor einige Zeit im Mund eines Inders verharrt hat, in einem hohen Bogen an die Wand gerotzt und eine Kuh kackt genau vor mir auf den Weg. Ich warte ab und muss sie zur Seite schieben, sonst komme ich nicht vorbei. Eine Hündin wird von ihren hungrigen Welpen umgarnt. Dann schiebt ein Händler seinen Karren mit Gemüse vorbei und erwischt die Pfote eines der Welpen. Jaulend humpelt der Hund zur Seite, seine Geschwister verstehen das als Spiel und knuffen ihn in das Hinterteil. Eine Bettlerin mit Kind im Arm zupft mir am Pullover und fragt nach Rupien. Das ist gerade alles zu viel für mich. Ich muss hier raus. Auf der Dachterrasse einer Bäckerei stärke ich mich mit einem westlichen Frühstück. Kaffee, Marmeladentoast, Cornflakes und Omlette. Das beruhigt meine Gedanken, die noch immer Achterbahn fahren.

Typisches Bild in den Gassen: Eine heilige Kuh sucht sich ihren Weg
Typisches Bild in den Gassen: Eine heilige Kuh sucht sich ihren Weg
Ein Sadhu beim Zeitunglesen
Ein Sadhu beim Zeitunglesen
Ein Sadhu beim Zaubertrick vorlesen
Ein Sadhu beim Schauspiel vorspielen
Ein typisches Bild an den Ghats
Ein typisches Bild an den Ghats

Mit einer Mischung aus Faszination, Ekel, Staunen, Abscheu und Bewunderung entdecke ich in den Folgetagen diese Stadt. An manches kann ich mich nur schwer gewöhnen, zum Beispiel das zu jeder Zeit, wenn ein Inder pinkeln muss, er dieses auch überall tut. Der Uringestank in den Gassen und vor allem entlang der Ghats ist unerträglich. Einmal sitze ich auf einer Bank, fast wie im Stadtpark, nur dass ich nicht auf Bäume und Ententeich starre, sondern auf einen Kopf, der langsam im Zedernholz verbrennt. Am Ufer suchen sogenannte Unberührbare, also Hindus der untersten Kaste, im Flussschlamm zwischen Knochenresten nach wertvollen Gegenständen wie Ringe oder Goldketten. Zur Rechten der Unberührbaren siebt einer der Verbrennungsgehilfen gerade die Asche eines frisch Verbrannten in den Fluss. Zur Linken waschen zwei Wäscher die Wäsche der Einwohner, die dann an den Ghats zum trocknen ausgelegt werden, damit kecke Affen das ein oder andere Kleidungstück klauen oder dumme Ziegen auf den großen Laken ihre Häufchen hinterlassen. Leben und Sterben in Varanasi.

Die Wäsche wird direkt im Ganges gewaschen
Die Wäsche wird direkt im Ganges gewaschen
Manchmal fallen ganze Affenbanden über die Stadt her
Manchmal fallen ganze Affenbanden über die Stadt her
Ein Blick entlang des Ufers
Ein Blick entlang des Ufers

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Reiseliteratur

Mathias Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Maria Prechtl
    20. Februar 2017
    Antworten

    Hallo, hallo, lieber Mathias, danke für so echt nachzuspülende Situationsschilderungen, prima!

  2. Maria Prechtl
    15. Februar 2017
    Antworten

    In Gedanken war ich grad bei Dir, so richtig im überwältigenden Varanasi samt Gedränge, Getöns, Gestank…
    Danke für Bilder und Berichte
    Maria

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