Erholung, Gastfreundschaft, Kunstwerk und eine Schrecksekunde

Nächste Station: Nasik. Zugegeben viel mir der Abschied aus Mumbai schwer, da ich meine indischen Freunde sehr lieb gewonnen hatte. Doch auf der nächsten Station der Reise erwarteten mich wieder einige sehr interessante und gastfreundliche Inder. In Auroville hatte ich Gaurav kennengelernt, der mich zu sich nach Hause nach Nasik einlud. Leider war er bei meiner Ankunft in Nasik immer noch in Auroville, doch er verwies mich an seinen Freund Patrik, der mich genauso gut aufnahm. Er stellte mich all seinen Freunden vor, jeder mit einer spannenden Geschichte (Dichter, Fotografen, Modell, Filmemacher). Mit seinem Freund Sudam besuchten wir die naheliegenden Buddha-Höhlen und die heilige Hindu-Stadt Trimbak, an der Quelle des heiligen Flusses Godavari. Seiner Mutter erzählte er vorher immer, dass er gern im Auto durch Indien reisen wollte, doch sie wollte davon nichts hören und sagte immer, dass das unmöglich sei und es gibt kein Mensch auf der Welt, der das macht. Haha und dann stand ich vor ihrer Haustür und als sie staunend meine Einbauküche sah,  gab es nun wirklich keine Gegenargumente mehr. „Ich muss aber erstmal meinen Führerschein machen“ gestand mir Patrik, während er mich mit dem Kleinwagen seiner Eltern durch die Stadt fuhr…

Die Umgebung von Nasik erinnerte an einen Wild-Western-Streifen
Die typische Tracht der Bewohner von Maharatshtra

Die Buddha-Höhlen bei Nasik waren nur ein Vorgeschmack dessen, was ich die nächsten Tage sehen sollte, als ich die gigantischen in Fels gehauenen Heiligtümer von Ellora und Ajanta besuchte. Diese lagen in einem recht abgelegen Teil von Indien, doch zur damaligen Zeit recht günstig an der Handelsstraße vom Norden zu den Häfen der Westküste. Seit dem 6. Jhd. n. Chr. entwickelte sich der Ort zum Zentrum religiöser und handwerklicher Tätigkeiten. Es waren die Buddhisten, die damit begannen, Höhlen in den harten Basalt zu schlagen. Und es waren nicht nur einfache Höhlen. Sämtliche Säulen, Fresken, Friese, Figuren und Schreine wurden in einem Stück aus dem Fels geschlagen. Nach den Buddhisten kamen die Hindus und danach Anhänger des Jain-Glaubens. Sie ließen die Vorgänger-Höhlen zum großen Teil unversehrt und erschufen noch prachtvollerer Meisterwerke. In 600 Jahren entstanden so 34 Heiligtümer. Am prachtvollsten ist dabei der Kailash-Tempel. Mitte des 7 Jhd. n. Chr. wurde mit den Steinmetzarbeiten begonnen, die hundert Jahre andauern sollte. Eine Viertelmillion Tonnen Bruchstein wurde aus dem harten Basalt geschlagen, ohne eine Möglichkeit Fehler zu beheben. Das Ergebnis ist schwer mit Worten zu bezeichnen und einfach nur fantastisch! Ein circa 30 Meter hoher Tempel, geschlagen aus dem Felsen. Beeindruckend.

Eine Versammlungshalle in einer buddhistischen Höhle
Je jünger die Höhle, desto ausgefeilter waren die Steinmetzkünste. Hier wieder eine Buddhistische Höhle
Das absolute Highlight! Der Kailash-Tempel
Fein ausgearbeitete Reliefs zeigen altertümliche Geschichten
Im Inneren eines Jain-Tempels

Das Kunstwerk einfache Felsen in kunstvoll gestaltete Höhlen zu verwandeln begann in den drei Autostunden entfernten Ajanta bereits im 2. Jahrhundert VOR Christus. Hier waren es ausschließlich die Buddhisten, die ihr Handwerk mit jeder in den Fels geschlagenen Höhle verbesserten. Der günstigen Lage ist es zu verdanken, dass der heutige staunende Besucher eine weitaus besser erhaltene historische Stätte als in dem benachbarten Ellora vorfindet. Die Gegend wurde vom Monsun oft verschont und das trockene Klima konservierte die Malereien in den Höhlen. Zudem wurde die Anlage im 6. Jahrhundert verlassen und Pflanzen überwucherten die Felshänge. So blieben die Kunstwerke den muslimischen Invasoren verborgen und erst ein britischer Jagdtrupp machte im 18. Jhd. einen der größten archäologischen Funde der Geschichte. Als ich auf selbiger Anhöhe wie der Jagdtrupp stand und herüber zur Felswand blickte, stellte ich mir vor wie es wohl damals gewesen sein muss. Es war wirklich beeindruckend, einige der Tempel waren komplett mit Wandmalereien verziert. Einige der ältesten buddhistischen Wandzeichnungen wurden hier gefunden. Ich war begeistert von diesen Meisterwerken der Kunst und fragte mich, ob wir heutzutage selbiges erschaffen konnten. Doch in Zeiten unserer profitgierigen Gesellschafft kann so ein zeitaufwändig gestaltendes Kunstwerk nur schwer geschaffen werden…

Einst waren die Höhlen von Schlingpflanzen verdeckt. Heute ein phänomenaler Ausblick
In Gegensatz zu Ellora sind hier die Wandmalereien noch sehr gut erhalten
Das ist eine der ältesten buddhistischen Wandmalereien überhaupt
Ein prachtvoller Tempel

Nach dieser tollen Erfahrung gab es einen lauten Knall. In einer Rechtskurve war ein Inder mit seinem Motorrad viel zu schnell unterwegs und kam auf meine Fahrbahn. Ich kam noch zum stehen doch der Fahrer geriet ins Schleudern, krachte mir frontal ins Auto und landete auf meiner Motorhaube. So eine Scheiße. Ich bin in Indien ohne KFZ-Haftpflicht unterwegs. Der Schreck saß mir im Gesicht, doch gottseidank stand der Fahrer schnell wieder auf, hielt sich aber seine Seite. Innerhalb von 30 Sekunden waren wir von ca. 20 Dorfbewohnern umkreist. Ich ahnte nichts Gutes. Schnell kann sich hier ein Mob bilden und Unfallbeteiligte verprügeln. Doch es war allen offensichtlich, dass der Motorradfahrer der Unfallverursacher war. Was aber in den Ländern hier nichts heißen mag, sofern ein Ausländer daran beteiligt ist. Denn was hat der hier zu suchen? Wenn der Tourist nicht hier wäre, dann wäre auch kein Unfall passiert. So ist die Logik. Ein Mann aus der Dorfgemeinschaft gab mir das Zeichen weiterzufahren. Ich zögerte. Ich hatte eine ordentliche Delle im Auto, doch der Bullenfänger hat einiges abgefangen. Das Motorrad sah da um einiges schlimmer aus. Würde die herbeigerufene Polizei mich für den Unfall schuldig machen? Und dazu fahren ohne Versicherung! Doch wer hat schon eine Versicherung in Indien? „Was möchtest du? Geld? Wie viel?“ fragte mich der Mann, als er mein zögern bemerkte. Doch was kann ich schon verlangen? Die Leute auf dem Land sind doch so arm! Der Motorradfahrer hat schon genug Schaden mit seinem Motorrad und den Blessuren. Was soll ich ihm denn da noch für Geld aus den Rippen schneiden. Nein, das wär nicht gut. Ist halt dumm gelaufen für uns beide. „Nein, es ist schon in Ordnung“ sagte ich, stieg ins Auto und fuhr die nächsten 3 Stunden ohne anzuhalten. Ich war mir nicht sicher, ob nicht doch auf einmal die Polizei gerufen wurde und im Schreck hab ich natürlich kein Foto vom Unfall gemacht. Dafür bin ich, als ich ausstieg, um nach dem Verletzten zu sehen, direkt in Hundescheiße getreten. Die klebte am Schuh und am Gas- und Bremspedal. Ich sah es als gutes Omen, denn in Scheiße treten soll ja bekanntlich Glück bringen. Glück, dass es der einzige Unfall auf meiner Reise sein sollte!

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Reiseliteratur

Mathias Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. Yegor
    27. Mai 2017
    Antworten

    молодец, Матиас!!! Удачи на дорогах России!)

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