Das Experiment Auroville

Auf einer Kreisrundenfläche von ca. 100 Quadratmetern waren zwölf Säulen im Kreis um den Mittelpunkt des Raumes angeordnet. Das Zentrum war ein leuchtendes Artefakt, eine Art Kristall. Zwischen den Säulen und an den Wänden lagen Kissen. Unauffällig ließ ich mich auf einen dieser weißen Kissen unweit der Tür nieder und schaute mich um. Der ganze Raum lag in einem ruhigen Weiß, das keine Geräusche zuließ. Mit mir befanden sich sieben weitere Menschen in der Inner Chamber und waren in Meditation vertieft. Nach einer Weile konnten sich meine Gedanken und von dieser unglaublichen Umgebung lösen und ich verlor mich in der Tiefe und Unendlichkeit des Raums.

Begegnungen in Auroville

Anandamayi

Von zwei Begegnungen in Auroville möchte ich gern berichten. Über Pranay, einen Inder aus Mumbai, den ich in Varanasi kennengelernt hatte, bekam ich den Kontakt zu Anandamayi. Wir verabredeten uns zum Mittagessen in der Solar Kitchen, einer Gemeinschaftsküche in der komplett mit Wasserdampf aus auf dem Dach befestigten Solarkochern gekocht wird. Anandamayi ist etwas älter als ich und wurde in Auroville geboren. Ihr Vater lernte damals im Ashram von Pondicherry ihre Mutter kennen und zusammen wurden sie eine der ersten Bewohner von Auroville. Anandamayi erzählte mir viel über Auroville. Obwohl es nur eine kleine Gemeinschaft ist (zurzeit ca. 2500 Bewohner) stellt sich Auroville den gesamten Problemen eines Landes. Wie kann autark Strom produziert werden? Wie trennen und entsorgen wir den Müll? Wie nehmen wir Neuankömmlinge in unsere Gemeinschaft auf? Wie schaffen wir genügend Wohnraum? Wie finanzieren wir diese Gemeinschaft? Welche Rolle spielt Geld in Auroville? Wie schaffen wir es, in der Gemeinschaft auf das Materielle zu verzichten und den Fokus auf die Hingabe auf das Göttliche zu legen, bei all den Problemen die wir hier haben? Wie ich so die Probleme betrachtete, fragte ich mich, ob das Experiment Auroville gescheitert sei. In Auroville befinden sich viele Solar- und Windkraftanlagen, doch wie werden diese (teuren) Technologien finanziert? Alles ist sauber, Müll wird getrennt und soweit wie es geht recycelt, Plastiktüten sind verbannt. Der übrige, nicht verwertbare Müll wird vergraben. Ist das nachhaltig? Die ersten Holzhütten aus den Anfangszeiten sind zum Teil mächtigen Gebäuden gewichen. Sehr oft konnte sich hier der Architekt ausprobieren. Wer ein Gebäude in Auroville errichtet hat allerdings nicht die Besitzrechte, lediglich die Wohnrechte. Dennoch haben sich einige Wohlhabende aus Europa ein schönes Plätzchen gesichert. Ihre großzügigen Spenden helfen dem Projekt. Doch wiederspricht das nicht der Vision von Auroville? Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle für Auroville. Erzeugnisse aus den vielen künstlerischen Betrieben werden so verkauft, Einnahmen aus Gästehäusern fließen voll und ganz in das Projekt (auch wenn der ein oder andere Bewohner in der Hauptsaison sein Wohnort für Touristen hergeben musste). Doch fühlen sich manche „Aurovillianer“ manchmal wie in einem menschlichen Zoo.

Wohnhäuser in Auroville
Wohnhäuser in Auroville
Wohnhäuser in Auroville
Wohnhäuser in Auroville
Wohnhäuser in Auroville
Wohnhäuser in Auroville

Lange diskutiere ich mit Anandamayi über diese Probleme. Sie hat mich zum Essen eingeladen und erzählt mir, dass jeder Einwohner hier kostenlos Essen kann. Zusammen mit einem niedrigen Grundeinkommen stellt dies die Basis eines jeden Einwohner dar, was man für die Einbringung in die Gemeinschaft bekommt. Das funktioniert gut in der Blase Auroville. Möchte man allerdings mal raus, sieht es mit der Finanzierung schon schlecht aus.

Einige Tage später lud sie mich zum Grillnachmittag mit ihren Freunden ein. In einer Waldkommune saßen wir im Schatten der Bäume und aßen leckeren Salat während die Kinder munter spielten. Während ich mich für das Leben in Auroville interessierte, wurde meine bisherige Reise bestaunt. Alle in der Runde machten einen sehr glücklichen Eindruck. Ich fragte mich, wie es wohl sein müsste, hier zu leben.

Gemütliche Grillrunde
Gemütliche Grillrunde
Wohnen im Wald
Wohnen im Wald

Rochssana und Morton

Rochssana und Morton kommen beide aus Deutschland und haben es geschafft ausschließlich per Autostop nach Indien zu kommen. Über Iran und Pakistan sind sie einige Monate nach Indien getrampt. Gepäck haben sie nicht viel und das wertvollste im Rucksack sind die vielen spannenden Geschichten und Erlebnisse. Seit über 8 Monaten leben sie schon in Auroville. Zunächst hatten sie sich einige Monate für ein Projekt engagiert und somit viele Aurovillianer kennengelernt. Gerade arbeiten sie zusammen an ihrem zweiten Reisebuch, nachdem sie ihr erstes über ihre Per-Anhalter-Reise durch Südamerika erfolgreich veröffentlichten. Wir unterhielten uns sehr lange. Nach über 18 Monaten in Indien hatten die beiden eine recht kritische Meinung gegenüber dem Land und auch gegenüber dem Projekt Auroville, was sie als gescheitert ansahen. Wenn ich mich zuvor mit Reisenden über Indien unterhalten habe, wurde das Land ausgesprochen gelobt. Mit Rochssana und Morton war ich einer Meinung, dass man ein Land wie Indien mit anderen Augen sieht, wenn man sich außerhalb der Tourismusgebieten bewegt und oft Kontakt zur einfachen Bevölkerung hat. Meiner Meinung nach wird eine kritische Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur sehr selten geäußert und es gehört auch eine Portion Mut dazu. Oft möchte man ja lieber Zuhause zeigen, wie schön man es gerade hat…

Mein Fazit über Auroville

Eine Woche habe ich hier verbracht und das ist viel zu wenig um über dieses Projekt zu urteilen (was ich somit auch nicht möchte). Doch durch meine Begegnungen habe ich einen ersten Eindruck von der Gemeinschaft und den angestrebten Ideen bekommen. Im Rahmen von Auroville sind bereits große Errungenschaften entstanden, die in der Welt als Vorbild verwendet werden könnten. In 50 Jahren wurde eine wüstenähnliche Landschaft in eine tropische Oase verwandelt. Der jährliche Monsun spült somit nicht mehr das wertvolle Regenwasser unverwendet in den Ozean. In den Schulen wurde Lernmethoden entwickelt, die nicht auf das bloße Auswendiglernen ausgerichtet sind, sondern vielmehr die  freie Entfaltung des Geistes und der Selbstanreicherung von Wissen in den Vordergrund stellen. Die Dichte an kulturellen Angeboten in einer so kleinen Gemeinschaft ist unglaublich. Das Bewusstsein für ein friedliches Miteinander und nachhaltiges Leben ist besonders ausgebildet. Es ist wahrlich eine Blase, die schon am Rand von Auroville von dicken Müllbergen begrenzt wird.

Schwer vorstellbar, dass das mal Wüste war
Schwer vorstellbar, dass das mal Wüste war
Beleuchtung vor dem Konzerthaus
Beleuchtung vor dem Konzerthaus

Auf die spirituelle Ebene habe ich mich in der Zeit in Auroville nicht begeben. Das ist (vielleicht noch) nicht mein Interessensgebiet. Allerdings gibt es hier für mich einige interessante Ansichten die mich nachhaltig tangierten. Und so wird es bestimmt manch einen der Besucher ergangen sein, denn sie wählten Auroville als ihr zukünftiges Zuhause.

Für mich war es eine sehr interessante Erfahrung und ich würde mich freuen wenn sich manche Konzepte aus Auroville woanders auf der Welt wiederfinden. Vielleicht trage ich ja auch irgendwann meinen Teil dazu bei. Der Gemeinschaft Auroville wünsche ich viel Kraft, weiterhin auf ihrer Reise sich den Herausforderungen des Lebens in einer Blase zu stellen und dabei die eigentliche Vision nicht zu verlieren.

Ich selber stecke nach einer Woche den Autoschlüssel wieder in das Zündschloss. Mit einem verlässlichen Brummen springt der Wagen an. Auch meine Reise geht weiter. Weiter in den Süden. Bis es nicht mehr weitergeht.

Statistik zur Reise

THE EXPERIMENT AUROVILLE

Sweat is running over my face. The sun stands high over the horizon. Heat of the noon. Twenty minutes ago I took a right from the main road to Pondicherry and drove via a village road to Auroville. I heard from Auroville the first time in Varanasi. “A-U-R-O-V-I-L-L-E – look on Google, you will find it. And you will like it…!” And now I am here. My car is parked at the parking lot of the visitor center. It is strange that this place has a visitor center I thought. “I want to stay here for a while and might do volunteering as well. Can you recommend me a place” I asked a lady in an office for housing of Auroville. “Try the solitude farm. It is only less than 15min walking from here.” That sounded good. I wanted to go there by my car but for entering Auroville you have to pass a security checkpoint where they ask for entering permission. To get permission for entering Auroville with the car I need an accommodation.  So I had to leave me car and walk while it was incredible hot. I arrived in the Solitude Farm and ask for the owner. Krishan was very busy and told me “There are now a lot of things to do for me. We have already some volunteers so there is no need. Sorry. But try the Youth Center! They will love your car” I left a little bit disappointed the farm and walked 30 minutes to try my luck again. Meanwhile the heat was hard to stand. Later I always hitchhiked with motorcyclist for those distances. Eventually I was successful in the Youth Center. They let me stay for a small donation and for helping once in a while doing some stuff at the property. I now had to take my car into Auroville which wasn’t easy at all.

Mein Stellplatz im Jugendzentrum - Der Weg bis hier hin war nicht so einfach
My camping spot in Auroville. They way to come here was not easy

The vision of Auroville

In the year 1914 the French woman Mirra Alfassa – later only called “The Mother” – met in Pondicherry the freedom activist and later Yogi Sri Aurobindo. It was an encounter which changed her life. She saw in Sri Aurobindo from the first moment her grand teacher and decided to stay in the Ashram (meditation center) from 1920 to the rest of her life and discussed with Sri Aurobindo many philosophical questions. The main topic was the future evolution of human being where the human which is connected to material things ever since is developing to a human which mainly focuses on the spiritual life. It should be the surrender to the divine but not following a religion. For this development it was necessary to create an appropriate place. A place “which no nation can define as their own property” and where “needs of the mind […] are more important than the satisfaction of wishes and passions”. The idea of Auroville was born.

In the following years The Mother was confronting together with Sri Aurobindo their pupils with their ideas in the Ashram in Pondicherry. Many encounters with The Mother changed the life of the pupils. The dream of Auroville was becoming real and a suitable place was found as well. It was possible to buy cheap but very dry land ten kilometers from Auroville while some pioneers from Europe started their way to India. In 1968 was the laying of the foundation stone. Youth representatives from 124 countries and 23 Indian states brought soil from their land which should symbolize the human unity. Auroville became real.

The development Auroville

The pioneers of Auroville were mainly busy with transforming the cheap but dry land into a habitable and agricultural usable area. But this also meant mainly one thing: Planting trees. Following the plan of Auroville the future city should be divided into four sectors: The cultural sector (schools, sport centers, centers for art activities), the international sector (pavilions of the different nations and people to appreciate the diversity of cultures), the industrial sector (agriculture and production) and the living sector. The center was planned as a place to discover the way to the divine – the Matrimandir. The whole area should be circular and have a diameter of 2.5 square kilometers. Money shouldn’t be used inside Auroville and should be only there in connection with the outside world for the retention of Auroville.

One week in Auroville

While I was waiting for permission to enter Auroville with my car a man with a motorcycle passed by, looked around and came back to me. “I have to ask you this. I saw the number plate. Did you really come all the way down from Germany to India?” asked the man with Austrian accent. This is one of the most impressing things of my journey. With the car you always attract attention and I meet nice people. But it is sometimes also tiring to tell the same story again and again which only differs in the months and miles I drove. But I can understand it. I think I would also ask the same questions. The Austrian guy was Manu who moved from Vienna together with his wife and two kids to Auroville. He invited me to his house for a tea to shorten the waiting time. A friend from Israel was already there. Both shared the opinion that Auroville is the best place in the world to raise children. And Manu should know that right. He was born in Afghanistan and tried to escape together with the family the first time without success from the Russians and later successfully from the Taliban.

After this impressing encounter I went back to the car and the road was now open for me. I found a nice shadow place in the Youth Center to stay in my car and I could use the wash rooms and the kitchen for free. The best thing was the little workshop. The property of the Youth Center is covered with forest where they built tree houses and other funny attractions. Everything was built by the young people of Auroville and they needed tools for that. Tools which I could use to enhance my car with a small kitchen with table and a shelf for my spices.

Baumhäuser im Youth Center
Tree houses in the Youth Center
Küche und Gemeinschaftsraum
Kitchen and common area
Meine neue Küche :)
My new kitchen 🙂

I was very happy with the place and started after I arrived in the Youth Center for a little walk. I passed the center of Auroville – the Matrimandir. The building was like a spaceship which landed here from another world in this beautiful, silent and green park. I walked through the park and enjoyed the silence and the peace which was enriched with the setting sun. After a while I decided to see the spaceship from the inside. They started to build the Matrimandir in 1971 and finished with the help of many European volunteers and locals from the surrounding villages almost 23 years after they started. It is the “soul of Auroville”. It was designed as a place for concentration to find the inner consciousness. But it shouldn’t be under any circumstances a religious place.

Das Raumschiff
The spaceship
Um den Matrimandir ist ein schöner Park und ein großer Bodhi-Baum, unter dem gern meditiert wird
Around the Matrimandir is a beautiful park. The place under the Bodhi tree is nice for meditation.

For finding the path to the divine in the inside of the energy center you need absolute silence. Therefore visitor needs a visitor pass and can only enter at certain times. It is the same already for the park around but the guard must be sleeping when I strolled in. Meanwhile the woman at the entrance to the building explained me the situation. But after we chatted for about 15min she said “Okay I make an excuse for you. I explain to you how you should behave inside and then I let you in.” I eventually entered the building and had to take on some white socks first. It was very quiet and I could hear water dropping somewhere inside. Then I walked a spiraled pathway to the upper part of the cupola. It was really like walking in a futuristic spaceship. The inside was illuminated by indirect lights. There was a special but hard to describable aura in the room. It was very peaceful. Then I entered the heart of the Matrimandir: The Inner Chamber.

Der Weg zur Inner Chamber
The path to the Inner Chamber

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Reiseliteratur

Mathias Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. 1. März 2017
    Antworten

    Moin Moin!

    Wie immer ausführlich und gute Bilder, das muss man dir lassen.

    Wirst du dich eigentlich nochmal abschließend zu den Grenz- und Visamodalitäten auslassen, evtl. auch zu den Kosten und Anbietern für die China-Querungen auslassen oder kann man dir mal eine Liste mit Fragen zukommen lassen 🙂

    Wir haben ungefähr auch sowas in der Art vor, ab ca. 2018, erstmal ne Runde nur mit Koffer unterwegs. Allerdings bleiben uns quasi nur noch 5-6 Monate Planung auf heimischen Boden, alles andere muss während der Kofferreise oder ad-hoc passieren.

    Grüßle auch aus Dresden

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