Wo ist eigentlich Armenien?

Mein Weg führte weiter durch eine sehr schöne Schlucht (Debed Canyon), vorbei an Klosteranlagen (Kobayr, Sanahin), durch die sowjetische Vorzeigestadt Vanadzor zum Dilijan-Nationalpark. Da mir nicht zum wandern war, fuhr ich weiter zum Sevan-See. Die Strecke bis dahin war sehr schön. Ich fuhr durch viele kleine Dörfer bis hoch auf 2.100m. Die Straße war überraschend gut. Kurze Zeit war ich nur wenige Kilometer von der Region Bergkarabach entfernt. Bergkarabach war einst eine autonome Region von Aserbaidschan, welche jedoch zu einem Großteil von Armeniern bewohnt war. Nach dem Zerfall der Sowjetunion forderten die Bewohner dieser Region immer mehr Rechte ein. Aserbaidschan bekam dies nicht unter Kontrolle und so entfachte sich 1991 ein militärischer Konflikt. Durch die Anzahl der in Bergkarabach wohnenden Armenier unterstützte das Land Armenien die Streitkräfte. Bergkarabach erklärte sich unabhängig von Aserbaidschan. Armenische Streitkräfte besetzen seit 1994 gut ein Drittel dieser Region. Bergkarabach wird von den Vereinten Nationen nicht als eigenständiger Staat, sondern noch als Teil von Aserbaidschan verstanden. Dieser Konflikt führt noch heute dazu, dass Armenien und Aserbaidschan Erzfeinde sind. Es gibt keine offenen Grenzen und diplomatische Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Der Konflikt ist so festgefahren, dass es noch sehr lange dauern wird, bis hier Ruhe einzieht.

Ich erwartete eine steile Straße hinunter zum See. Doch schon hinter der nächsten Biegung sah ich den Sevan See. Er ist mit seiner Lage auf ca. 1900 Meter und Fläche von 940 Quadratkilometern einer der höchstgelegen Hochgebirgsseen der Welt. Die Ostseite des Sees ist sehr wenig bewohnt und so hatte ich mich schon auf Wildcamping eingestellt, also nach wenigen Kilometern ein kleiner Campingplatz (Wishup Shore) auftauchte. Die Besitzer waren mir von Anfang an sympathisch, zudem lockte mich das frische Faßbier an der Bar. Ausnahmsweise durfte ich das Auto auf dem Campingplatz parken, der eigentlich nur für Zelte gedacht war. Und so hatte ich einen ganz besonders schönen Ausblick auf den Sevan See am nächsten morgen. Abends habe ich sehr lange mit den Besitzern zusammengesessen, die auch viele Offroadtouren unternehmen. So hatten wir gleich ein gutes Gesprächsthema. Einen von der Gruppe traf ich sogar einige Tage auf einmal in Yerevan, als ich von hinten auf einmal „Mathiiias“ hörte.

Der Sevan See
Der Sevan See
Der Campingplatz
Der Campingplatz
Abendgespräche
Abendgespräche

Auf dem Campingplatz hatte ich zudem ein sehr langes und spannendes Gespräch mit Arsen, einen ehemaligen Diplomaten, der bis vor 10 Jahren in Deutschland stationiert war. Wir unterhielten uns sehr viel über Politik. Armenien hat es nicht leicht. Seitdem Völkermord der Türkei an Armeniern, welcher durch die Türkei weiterhin abgestritten wird, herrscht auch hier auch frostige Stimmung. An der langen gemeinsamen Grenze ist kein einziger Grenzübergang geöffnet. Daher ist Armenien sehr auf die Hilfe von Russland angewiesen und pflegt sehr gute Beziehungen zu Putin. Des Weiteren grenzt nur noch im Norden Georgien und im Süden Iran an Armenien. Zu Iran hat Armenien im übrigen sehr gute Beziehungen, ebenso zu den USA. Somit ist Armenien wohl eines der wenigen Länder, die sowohl zur USA, zu Russland und zu Iran sehr gute Beziehungen hat. Aus dem spannenden Gespräch mit Arsen wird mir immer ein Zitat in Erinnerung bleiben: „Wenn ein Problem nicht gelöst werden kann, gibt es genau zwei Mittel: Das eine ist Zeit, das andere ist Geld“.

Meine nächste Station führte mich zum inaktiven Vulkan Aragats, dessen Gipfel die höchsten des Landes sind. Eine schmale Straße geht dabei bis auf 3.200 Meter hoch, mein Nachtlager machte ich jedoch indessen etwas abseits der Straße neben einem Mercedes Camper mit Berliner Kennzeichen zurecht. Karl und Annina sind wie ich auf dem Weg nach Indien unterwegs. Nur nehmen die beiden (+ zwei aufgenommene Hunde) sich viel mehr Zeit und haben ein Jahr bis Armenien gebraucht (Blog: http://www.blau-zeit.de). Mit Karl habe ich mich noch bis spät Abends sehr gut unterhalten. Es war auch erst das zweite Auto aus Deutschland, das ich seit Georgien gesehen habe.

Mein Nachtlager
Mein Nachtlager

Am nächsten morgen bin ich schon 06:30 aufgebrochen, um den Südgipfel (3.800m) zu besteigen. Um diese Uhrzeit haben sich keine Wanderer auf den Hängen den Vulkans verirrt und so hatte ich den Berg ganz für mich allein. Ich bin ohne Höhenakklimatisierung aufgebrochen und so musste ich ab und zu eine Pause einlegen. Dabei schweifte mein Blick zurück auf die schöne Landschaft. Während des Aufstiegs habe ich auch auf mein Leben zurückgeblickt, habe gesehen was ich erreicht habe, welch viele glückliche Wendungen sich in meinem Leben ergeben haben und wie viele tolle und wichtige Menschen ich um mich habe. Solche Momente sind Gold wert. Und es ist so wie mein Arbeitskollege Björn mir es gewünscht hat: Gute Reise, nach innen und nach außen.

Blumenwiesen auf dem Hang des Aragats
Blumenwiesen auf dem Hang des Aragats
Angelangt am Gipfel
Angelangt am Gipfel

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Reiseliteratur

Mathias Verfasst von:

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