Der Weg zurück – Durch Russland und das Baltikum nach Deutschland

In Perm verabschiedete ich mich von Lydia, legte einen Ölwechsel und Kleinteilereparaturtag ein und fuhr weiter Richtung Moskau. Diesmal allein. Prompt fand ich mich in einer Situation wieder, in der ich viel lieber Begleitung gehabt hätte. Als Tagesziel hatte ich mir Kazan, die Hauptstadt der autonomen Republik Tataristan herausgesucht. Laut Google Maps, das ich gerade zur Navigation nutzte, sollten 625 Kilometer vor mir liegen. Bei Schneeregen verließ ich Perm und verfiel zugleich in die Autofahrmeditation, die ich zuletzt allein im Auto zwei Monate zuvor in Indien erlebt hatte. Ich bemerkte kaum wie die Kilometer an mir zusammen mit den unendlichen Birkenwäldchen vorbeizogen. Außer mir waren vor allem viele LKW auf der Bundesstraße unterwegs, die ihre Waren durch das gesamte Land beförderten. Privatautos gab es sehr wenige. Und nach einer Weile gab es auch weniger Lastwagen. Wo waren diese hin? Ich schaute nochmal auf die Karte. Nein alles war in Ordnung. Ich war sogar froh die kleineren Straßen nun zu nehmen, die mich ohne anstrengenden Verkehr durch beschauliche Dörfer führten. Irgendwann wurde jedoch die Teerstraße zur Schotterstraße. Ich nahm an, dass es sich hier wohl nur für einen Abschnitt schlechter Straße handeln würde doch diese wurde eher noch schlechter, die Dörfer immer kleiner – in größeren Abständen verteilt. Die Straße wurde regelrecht schlammig und ich schlitterte durch die Kurven, gespannt auf das, was mich dahinter erwarten würde. Da ich bereits seit über einer Stunde so gut wie keinen Gegenverkehr hatte, überkam mich ein ungutes Gefühl. Schließlich, 150 Kilometer vor dem Tagesziel, wurde mein ungutes Gefühl bestätigt. Ich stand vor einem gewaltigen Fluss. Und dort wo in der Karte eine Brücke eingezeichnet war, ja da war… nichts. Auf der gegenüberliegenden Seite erkannte ich Teile einer schwimmenden Brückenkonstruktion. Verdammt. Eine Saisonbrücke. Der besonders schneereich ausgefallene Winter hinterließ mächtige Wassermassen, die einen baldigen Einsatz der Saisonbrücke in weite Ferne rückten. „Was soll‘s“ dacht ich mir „die nächste Brücke wird ja wohl nicht so weit weg sein!“ Wie ich mich da geirrt hatte. Ich nahm ein anderes Navigationsprogramm zur Unterstützung. „Sie erreichen ihr Ziel in 250 Kilometern.“ Na toll. 100 Kilometer extra auf dieser so schon langen Tagesetappe. Die gute Laune war dahin. Ich hatte schlichtweg keine Lust auf Extrakilometer.

Die Straße wurde leer. Das hätte mich stutzig machen sollen

 

Und da war die Straße zu Ende…

 

Ich folgte brav den Anweisungen auf den Bildschirm, fuhr kleine Feldwege entlang, Schotter- Sand- und Schlammstraßen, durchquerte Dörfer, in denen die Zeit angehalten schien, zwängte mich durch enge Forstwege und kam plötzlich nach einer gewaltigen Rutschpartie auf einem Parcours aus Riesenpfützen und Schlammlöchern vor einem Dammbruch zu stehen. Ich stieg aus, sackte knöcheltief in den Schlamm ein und Schrie in den Wald ein lautes „Fuck!“ hinein. Da stand ich nun hier. Es lagen wohl immer noch 250 Kilometer vor mir und ich war irgendwo im Wald. Das letzte Dorf war mehr als 10 Kilometer zurück. Wölfe und Bären sollte es hier geben. Ich war allein und malte mir aus, was wohl passieren würde, wenn ich jetzt stecken bliebe. Kurz überlegte ich, ob ich durch den Dammbruch gelangen könnte, der vor mir auf einer Länge von circa 100 Metern einen Wasserteppich über die Straße schickte. Ich entschied mich dagegen und drehte um. Da ich die letzten 500 Meter gerade so ohne Steckenbleiben und/oder Unfall hinter mich gelassen hatte, ärgerte es mich noch viel mehr diese Passage nochmal durchfahren zu müssen. Ja ich hatte zum ersten Mal seit langen sogar Angst, die sich langsam in Panik verwandelte. Mit Allrad und niedriger Untersetzung drehte ich langsam den Wagen auf der Straße. Ich atmete tief durch. „Ruhig bleiben Mathi. Keine Panik das wird schon. Jetzt konzentrieren und kein Scheiß bauen. Ruhig bleiben“ sagte ich mir. Dann gab ich Gas. Der Schlamm spritzte meterhoch nach oben. Das Wasser einer endloslangen Pfütze reichte bis weiter über die Unterkante der Tür. Jetzt bloß nicht steckenbleiben! Ich geriet erneut ins Schleudern, lenkte das Auto zentimeterscharf am Rande der Böschung vorbei und donnerte mit Wucht durch die nächste Pfütze, was mich wieder in die Spur brachte. Geschafft! Im Rückspiegel sah ich tiefe Spuren im Schlamm, Hinterlassenschaften einer actionreichen Offroad-Aktion. Noch einige Zeit musste ich den Scheibenwischer laufen lassen, damit das letzte Bisschen Schlamm von der Windschutzscheibe gekratzt wurde. Das hatte ich also hinter mir gelassen. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Dörfer, in denen die Zeit still gestanden zu sein schien

 

Ein typisches russisches Landhaus

 

Kirchen waren trotz allen fast zerfallenen Hütten auch hier prächtig

 

Ich fuhr nun ohne Navi, dem Gefühl von Himmelsrichtungen folgen. In einem Dorf fragte ich einen Bauern nach dem Weg nach Kazan. Stellt euch vor irgendwo auf einem Feld bei Hamburg fragt einer „Wo issn hier der Weg nach Berlin?“ Und genauso schaute der Bauer drein. Mit Händen und Füßen schickte er mich in eine Richtung, fest entschlossen, dass dieser Weg definitiv auf eine Straße führen sollte, die Ihresgleichen meinen Wagen nach Kazan bringen würde. In der nächsten Stunde fuhr ich durch Schlammpisten, auf Waldwegen, auf Wiesen (ohne dabei wirklich einen Weg zu sehen) und passierte extrem holprige Pisten. Immerhin kein Dammbruch. Und dann war es soweit. Die Räder des Pajeros berührten wieder festen (wenn auch von Schlaglöchern versehenen) Teerboden. Kurze Zeit später überquerte ich endlich die heißbegehrte Brücke. In der mich im wunderschönen Licht begleitenden Abendsonne fuhr ich nun Kazan entgegen. Nach 14 Stunden Fahrt (fast ohne Pause) kam ich schließlich erschöpft in Kazan an. Statt 625 lagen über 760 Kilometer hinter mir. Aber das schlimmste war eigentlich, dass es nach diesem abenteuerlichen Fahrtag das am Ende heißersehnte Bier im gebuchten und sehr abseitsgelegenen Hotel nicht gab…

Die Mosche von Kazan

 

Kazan

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Mathias Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. 7. September 2017
    Antworten

    Hallo Matthias,

    toller Blog! Ich bin gerade auf ihn gestoßen, da ich auch über den Landweg nach Asien möchte. Zwar ist dein beitrag aus 2016 etwas veraltet, aber vieles scheint doch noch schwierig befahrbar oder gar als Reisender ohne eigenes Auto nicht möglich zu sein. Wäre schäde..

    Ich stöbere nun mal ein wenig bei dir rum und vielleicht finde ich ja ein paar Antworten auf meine Fragen. Wenn nicht, könnte ich dir denn schreiben?

    Wenn du dich noch einmal auf den Weg machst; ich bin dabei! 😉

    Schöner Schreibstil übrigens (:

    Liebste Grüße
    Lu ♥

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