Der Weg zurück – Durch Russland und das Baltikum nach Deutschland

Lange Zeit sind wir in Zentralasien „Umwege“ gefahren, um zurück nach Deutschland zu kommen. Doch was heißt Umwege? Angekommen in der Hauptstadt von Kirgistan hätte ich genauso gut auch den direktesten Weg in die Heimat nehmen können. Stattdessen sind wir drei Wochen lang mal tief in den Osten, mal wieder Richtung Süden, dann noch tiefer in den Osten gefahren und waren am Ende noch weiter von der Heimat entfernt, als zuvor in Bischkek. Den direkten Weg zu nehmen ist nicht der Sinn der Reise. Meiner Reise. Und es war er auch zu keinem Zeitpunkt. Bisher.

Umwege und Abweichungen vom direkten Weg wurden auf meiner Reise umso größer und stärker, je weiter ich von der Heimat entfernt war. Denn mir war bewusst: So schnell und so einfach würde ich nicht hier wieder mit dem Auto hinkommen. Also was waren schon 500 Kilometer extra, wenn ich doch 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt war. Wohlgemerkt 10.000 auf-dem-direkten-Weg-Kilometer. Nun hatten wir die Grenze zu Russland überquert und die weite Kasachische Steppe lag hinter uns. Es war der 22. Mai und in weniger als vier Wochen plante ich in der Heimat wieder aufzuschlagen. Noch lagen fast 7.000 KM vor mir. Viele Umwege waren nun nicht mehr möglich.

Die Grenze Kasachstan zu Russland. Noch wusste ich nicht welch folgenschwerer Fehler mir hier passiert war

Der Wetterumschwung besänftigte das Bedauern weitere schöne Plätze entlang des Weges anzusteuern. Starker Regen setzte ein, tagsüber waren es kaum mehr als 7 Grad, am Morgen nasskalte Temperaturen um den Gefrierpunkt. Wir fuhren also fast auf direkten Wege, legten Tagesetappen um die 600 Kilometer zurück und erfreuten uns über jede Minute, in der die Sonne dann doch mal den Weg durch die dicke Wolkendecke fand.

Der Teil der Welt den wir gerade besuchten war für uns unglaublich spannend. Wo waren wir gerade? Wir befanden uns ungefähr auf den Breitengrad von Samarkand (Usbekistan) und auf dem Längengrad von Riga (Lettland). Geografisch konnte man diese Region bereits als Sibirien einordnen. Und so fühlte es sich auch an. Die Natur kam uns vertraut vor. Birkenhaine wechselten sich mit Kiefernwäldern und gelegentlichen Seenlandschaften ab. Genauso gut hätten wir uns im Nordosten Deutschlands befinden können. Doch irgendwas war anders, noch bemerkten wir nicht was das war. Nachdem wir fast einen Tag unterwegs waren und der Tageskilometerstand in Bereiche gerückt war, in denen das Autofahren anstrengend wurde, bemerkten wir was anders war. Es war die Dimension, ja die Weite der Landschaft. Klar gibt es auch Birkenwälder in unseren Regionen. Aber keine die sich über hunderte Kilometer entlang der Straße ziehen, ohne das nur ein Dorf zu sehen war. Und das war es, was uns in dieser Region faszinierte. Erzählen, ja mit Bildern untermalen fällt hier schwer. Das muss man selber erleben, um das zu verstehen. Jeder, der schon durch das innere Russlands gereist ist – sei es mit Auto oder der Transsibirischen Eisenbahn – wird ungefähr verstehen was ich meine.

Mitten in Sibirien. Es war gerade mal 1 Grad. Und trotzdem freute ich mich, die 50.000 KM geknackt zu haben

Mittlerweile sind wir am Fuße des Uralgebirges angekommen. Das Gebirge, welches die geografische Trennlinie zwischen Asien und Europa bildet. Die Urbanisierung nahm zu. Aus anfänglich kleinen Dörfern wurden mittelgroße Städte. Zudem galt die Region südwestlich von Jekaterinburg als Erholungsgebiet vornehmlich russischer Touristen.  In den Dörfern bestanden die Häuser fast ausschließlich aus Holz, einige waren schon in sich zusammengefallen und waren stille Zeitzeugen von harten langen Wintertagen in denen das Dach der Schneelast nachgegeben hatte. In den Städten wiederum waren nur wenige Holzhäuser zu finden. Vielmehr drängten sich Betonkolosse dicht an dicht, die in Zeiten der Sowjetunion schnell nach oben gezogen wurden. Der Natur dann doch eher verbunden zogen wir uns in die Tiefe der Wälder zurück und legten einen Wandertag ein, den wir am Ufer eines der vielen Seen in einem kleinen Birkenwäldchen ausklingen ließen. Immerhin hatten die frischen Temperaturen auch etwas Gutes: Es gab weniger Mücken, wenngleich andere Schmarotzer versuchten uns das Blut aus dem Körper zu saugen. Nach einem Toilettengang im Unterholz musste ich gleich drei Zecken von meinem Körper ablesen…

Der viele Regen brachte sattes Grün inmitten der unendlich weiten Birkenhainen zum Vorschein

 

Camping am See nach der Wanderung

Angekommen in Jekaterinburg ließen wir die gigantischen Wälder zunächst hinter uns, tauchten in die viertgrößte Stadt Russlands ein und legten unseren Kopf auf die Schiene der Geschichte. 1918 wurden hier der bei den Intelektuellen beliebte Zar Nicolas II und seine gesamte Familie durch die Bolschewiken ermordet. Heute wird der Zar als Heiliger verehrt, im Untergeschoß der „Kathedrale auf dem Blut“ wird er auf vielen Gemälden mit einem Heiligenschein verehrt. Als im Zuge der Oktoberevolution 1917 die Bolschewiken in Russland an die Macht kamen, wurden sämtliche Gegner des neuentstandenen sowjetischen Systems verfolgt und systematisch eliminiert – so auch der Zar. Das Uralgebirge war Schutzwall und Rohstofflieferant zugleich und in den Folgejahren wuchsen hier Fabriken aus dem Erdboden. Im zweiten Weltkrieg und zu Zeiten des kalten Krieges wurden zudem viele Waffenfabriken in die Region verlegt, damit diese vom Feind schwerer erreicht werden konnten. Bis 1990 blieb die Stadt sogar Aufgrund der Dichte von Rüstungsfarbiken für Ausländer gesperrt. Aus der Abschottung schaffte es jedoch ein Mann an die Spitze des Weltgeschehens: Boris Yeltsin – der erste Präsident der Russischen Föderation.

Die Kirche auf dem Blut in Jekaterinburg

Die Stadt selber gefiel uns durch seinen interessanten Mix aus post-sowjetischer und moderner Architektur sehr gut. Eine rote Linie führt durch das Zentrum und erklärt an Nummern historische Gebäude und Orte, die sonst selbst den aufmerksamen Stadtbesuchen verborgen geblieben wären.

Zeitzeugen

Nicht verborgen blieb uns auf der Weitereise auch nicht die Grenze zwischen Asien und Europa, die hier auf den 60. Längengrad verlief und mit einem Denkmal hervorgehoben wurde.  Ein Schild zeigte an: Berlin 3020 Kilometer. Direkter Weg.

Grenze Asien-Europa

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Mathias Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. 7. September 2017
    Antworten

    Hallo Matthias,

    toller Blog! Ich bin gerade auf ihn gestoßen, da ich auch über den Landweg nach Asien möchte. Zwar ist dein beitrag aus 2016 etwas veraltet, aber vieles scheint doch noch schwierig befahrbar oder gar als Reisender ohne eigenes Auto nicht möglich zu sein. Wäre schäde..

    Ich stöbere nun mal ein wenig bei dir rum und vielleicht finde ich ja ein paar Antworten auf meine Fragen. Wenn nicht, könnte ich dir denn schreiben?

    Wenn du dich noch einmal auf den Weg machst; ich bin dabei! 😉

    Schöner Schreibstil übrigens (:

    Liebste Grüße
    Lu ♥

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