Einmal quer durch Indien

Varanasi liegt hinter mir. Zum letzten Mal hab ich mich durch enge Gassen gedrängelt. Bis ich über die indische Landesgrenze gefahren bin, war ich komplett unfallfrei. In den Bergen Darjeelings hatte mich dann ein Pickup in der Kurve so geschnitten, dass ich mit meinem Bullenfänger ihm einen schönen Kratzer verpasst hatte. Bei solchen „Kleinigkeiten“ heißt es natürlich weiterfahren und bloß nicht anhalten! In Deutschland natürlich undenkbar, allerdings ist es schwer vorstellbar wie ansonsten die millionen Kleinkollisionen pro Sekunde im Lande aufgearbeitet werden sollen. In Varanasi hatte ich dann ganze sechs solcher Feindberührungen. Mein ärgster Gegner war dabei die Fahrradrikscha dir sich nur zu gerne im Bullenfänger oder im Radkasten mir einer der bösen rausschauenden Schrauben verfing und dann von mir unfreiwillig manchmal auch in die falsche Richtung ein Stück mitgenommen wurde. Dann wird geschrien, ein Stückchen zurückgesetzt, ein freundlicher Gruß gesendet (im inneren geflucht) und dann geht’s weiter. Eine Motorrikscha hatte sich einmal frecherweise gewagt vor mir den Weg zu queren. Ich kam gerade noch zum Stehen und ließ mit einer Handbewegung dem Fahrer wissen, der mit seinem Gefährt vor Schreck auch stehen geblieben ist, dass er nun bitte die Fahrbahn frei machen solle. Er fuhr los, ich schaute kurz nach links und fuhr auch los. Allerdings war er dann doch nicht los gefahren, sodass ich seinen fahrbaren Untersatz auf zwei Räder kippte. Also wieder Rückwärtsgang, freundlich grüßen (innerlich fluchen) und dann weiter fahren. Die Lackspuren sind noch heute am Bullenfänger.

Nun das alles sollte jetzt hinter mir liegen und ich genoss den unglaublichen Luxus Autobahn zu fahren. Auch wenn ich hier nicht entspannen kann, da plötzlich auftauchende Schlaglöcher, Geschwindigkeitshügel, LKW und Rikschas die Autobahn zum Hindernisparcours machten, so ging es doch hier wesentlich entspannter als in den Innenstädten zu. Ich bin nun, kleinen Umwegen eingeschlossen, auf dem Weg zum Südzipfel Indiens. Fast 4.000 Kilometer sollten vor mir liegen. 4.000 Kilometer Abenteuer. Und Ungewissheit.

Erste Station: Bodhgaya. Hier erlangte 534 v. Chr. Siddhartha Gautama  unter einem Bodhi-Baum die Erleuchtung und wurde so zu Buddha. Auf dem ersten Blick ist die Stadt nichts Besonderes. Eine typisch dreckige indische Kleinstadt, allerdings mit vielen Hotels und Souvenirständen. Auf dem zweiten Blick fällt mir allerdings auf, dass ich noch nie auf der Welt so viele Buddhisten gesehen habe. Der Bodhi-Baum steht immer noch, darum ein Tempel und alles in allem eines der größten buddhistischen Wahlfahrtsorte. Eine unglaubliche Aura umgibt das Gelände. Überall beten Buddhisten in Gruppen oder ziehen sich leise zur Meditation zurück. Um den Tempel herum gibt es überall buddhistische Klöster. Aus Tibet, aus Thailand, aus Myanmar, aus Bhutan. Der Spaziergang durch den Ort gleicht einer Reise zurück zu den Orten, die ich auf meiner Reise besucht und bestaunt hatte. Allerdings kann ich nur in den heiligen Hallen und Vorgärten Ruhe finden. Zurück auf der Straße bekomme ich bei Souvenirständen sämtlichen Krimskrams angedreht und wie aus dem nichts taucht immer eine Rikscha auf, die mich nur allzu gerne mitnehmen möchte. Ich hatte zwar anfangs überlegt hier im Ort etwas länger zu bleiben, doch in mein Notizbuch findet sich die Notiz, die mich zum vorzeitigen Aufbruch bewegt „In diesem Ort verspüre ich kein Flair“.

Der mächtige tibetische Tempel. Hier wurde eine dreitägige Pooja (Gebet) abgehalten.
Der mächtige tibetische Tempel. Hier wurde eine dreitägige Pooja (Gebet) abgehalten.

 

Der thailändische Tempel. Einer der schönsten Tempel auf dem Areal
Der thailändische Tempel. Einer der schönsten Tempel auf dem Areal

 

Die große Buddha Statue
Die große Buddha Statue

 

Der heilige Tempel und der Bodhibaum, wo Buddha seine Erleuchtung erlangte
Der heilige Tempel und der Bodhibaum, wo Buddha seine Erleuchtung erlangte

 

Zweite Station: Die Ostküste Indiens. Ich peile die Stadt Puri an, entscheide allerdings spontan einen Umweg zum Nationalpark Satkosia zu fahren. Da sind sie die Vorzüge des Alleinreisenden mit reichlich Zeit. Kein Umweg ist zu viel. Die Entscheidung fällt leicht. Das neue Ziel in der Karte eingegeben und los. Zu Beginn meiner Reise hatte ich geplant mir für jedes Land die zugehörigen Landkarten zu besorgen und wie zu alten Zeiten zu navigieren. Ohne Beifahrer ist das allerdings manchmal gar nicht so einfach, zudem sind die Straßenführungen manchmal sehr irreführend und Wegweiser suche ich oft vergeblich. Daher hatte ich schon früh den Weg des medialen Fortschritts gewählt und mir Offline-Karten auf das Handy geladen, die auch ohne Internet wie ein klassisches Navigationsgerät funktionierten. Die schnellste Routenführung schaffte jedoch Google-Maps (Internet notwendig, zumindest zum Laden der Strecke). Zudem lag die errechnete Ankunftszeit oft verblüffend nahe am tatsächlichen Aufschlagen am Zielort.

Als ich die Grenze eines indischen Bundesstaats zum nächsten überquere schau ich mal wieder in staunende Polizistenaugen. Mein Kennzeichen sieht anders aus, das Lenkrad an falscher Seite und dahinter ein dämlich grinsendes Weißbrot. Die Verwirrung ist da immer groß und nie wurde ich angehalten. Aber es gibt immer ein erstes Mal. Führerschein. Fahrzeugpapiere. Brocken von Englisch. Zeichensprache. Unverständnis. Kopfwackeln. Weiterfahren. Eins hat mich jedoch stutzig gemacht. Die Polizisten haben oft auf mein Nummernschild gezeigt. Hundert Meter weiter halte ich nochmal an und dann sehe ich den Grund der plötzlichen Kontrolle. Mein vorderes Nummernschild ist weg. Verloren. Irgendwo auf den letzten 200 KM. An der Mautstation auf der Autobahn musste es wohl noch dran gewesen sein, denn davon zeugt der Kassenzettel. Irgendwo dazwischen und der Polizeikontrolle musste es wohl liegen. Aber bestimmt nicht lange. Was ist das für ein tolles Souvenir! Umdrehen wäre zwecklos. Also weiter geht’s, irgendwie muss ich mir ein neues besorgen.

Geschlafen wird am Wegesrand. Etwas abseits der Straße finde ich einen großen schattenspendenden Baum, der auch meine Hängematte trägt. Im Sonnenuntergangslicht kommen einige Dorfbewohner vorbei und stauen über den so merkwürdigen Besuch. Ich überlege, ob es eine gute Idee ist, allein so im Nirgendwo zu übernachten. Ach was wird schon passieren denk ich mir. Nur nicht endend wollende laute Musik aus dem Nachbardorf. Selbst in der schönsten Einöde findet sich in Indien ein plärender Lautsprecher. Indien und Ruhe ist wie Bananen in der damaligen DDR. Zwar möglich aber schwer zu bekommen.

Mein Nachtlager
Mein Nachtlager

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Mathias Verfasst von:

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